Wo ist eigentlich die Mitte?
Bei uns zu Hause wird gerade viel über Politik diskutiert. Über starke rechte Parteien im Osten, über die politische Linke in Berlin und darüber, warum die Ränder immer stärker zu werden scheinen, während die Mitte Stück für Stück verschwindet. Dabei sind wir uns längst nicht immer einig – sonst wäre es schließlich auch keine richtige Familiendiskussion.
Manchmal habe ich allerdings den Eindruck, dass die Mitte es auch besonders schwer hat. Wer am Rand steht, kann ziemlich genau sagen, was falsch läuft und wer daran schuld ist. In der Mitte wird es komplizierter. Da muss man zuhören, abwägen und gelegentlich sogar aushalten, dass die anderen nicht völlig unrecht haben. Damit gewinnt man allerdings selten die lauteste Diskussion.
Auch in unseren Gemeinden kenne ich solche unterschiedlichen Lager. Die einen wollen endlich mutig vorangehen, die anderen erst einmal gründlich prüfen, ob nicht doch alles so bleiben kann, wie es ist. Progressiv und konservativ nennen wir das dann gerne – wobei diese Begriffe die Sache auch nicht unbedingt einfacher machen.
Gerade geht unser Dekanatsprozess in die Arbeitsphase. Wir wollen überlegen, wie Kirche in Ostfriesland in Zukunft aussehen kann. Natürlich werden auch dort ganz unterschiedliche Menschen mit ganz unterschiedlichen Vorstellungen aufeinandertreffen. Wahrscheinlich wird es also nicht immer gemütlich. Das muss es auch gar nicht. Spannend wird die Frage, ob am Ende die lautesten Stimmen den Weg bestimmen – oder ob es uns gelingt, auch die leiseren zu hören.
Passend dazu feiern wir an diesem Sonntag Erntedank. Und in den biblischen Texten geht es ausgiebig um Weinberge und deren Früchte. Vielleicht reicht mir daraus an diesem Wochenende ein einfacher Gedanke: Nicht jede laute Behauptung ist schon eine gute Frucht. Und nicht alles, was uns anvertraut ist, gehört deshalb automatisch uns allein.
Paulus empfiehlt uns, den Blick auf das zu richten, was wahr, gerecht, liebenswert und gut ist. Für die nächste politische Diskussion bei uns am Familientisch wäre das vermutlich schon ein ziemlich anspruchsvolles Programm. Für unseren Weg als Kirche allerdings auch.
Vielleicht liegt die Mitte am Ende gar nicht irgendwo genau zwischen zwei Rändern. Vielleicht entsteht sie dort, wo Menschen einander zuhören, miteinander streiten können und trotzdem gemeinsam am Tisch sitzen bleiben.
Euch allen einen gesegneten Sonntag und ein schönes Erntedankfest!
Herzlichst
euer Daniel
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