Im Herzen der malerischen Altstadt von Leer bildet die Lutherkirche gemeinsam mit der katholischen St. Michaelskirche, der reformierten Großen Kirche und der Mennonitenkirche ein einzigartiges kirchliches Ensemble, das die wechselvolle Konfessionsgeschichte Leers widerspiegelt.

Hier in diesem sogenannten „Heiligen Viertel“ begrüßte der Stadtführer Bernt Boelsen 21 Klüngeltüngels, die sich aufgemacht hatten, um sich über die o.g. Kirchen zu informieren.
Die Lutherkirche ist eine der bedeutendsten evangelisch-lutherischen Kirchen in Ostfriesland und beeindruckt mit ihrem kreuzförmigen Grundriss. Der Innenraum erhielt bei einer umfassenden Umgestaltung Anfang des 20ten Jahrhunderts die heutige Gestalt mit einem hölzernen Tonnengewölbe, reich verzierten Malereien und umlaufenden Emporen. Besonders sehenswert sind die historische Kanzel aus der Zeit um 1500, der Fürstenstuhl und die kunstvollen Decken- und Wandmalereien. Seit 2002 besitzt die Kirche eine neue Orgel, die von der ortsansässigen Orgelbaufirma Ahrend gebaut wurde und einen weit über Ostfriesland hinaus hervorragenden Ruf genießt. Einen besonderen Schatz gibt es in der Kirche zu sehen: eine Lutherbibel aus dem Jahre 1572. Sie wurde bei Umbauarbeiten auf dem Dachboden der Kirche entdeckt.

Als in Leer im 18ten Jahrhundert die Zahl der Katholiken stetig zunahm, wollten diese eine Kirche bauen. Das wurde über lange Zeit von den Protestanten verhindert. Als die Katholiken dann von dem preußischen König Friedrich dem Großen die Erlaubnis erhielten, in unmittelbarer Nähe der Lutherkirche eine Kirche zu errichten, machten die Protestanten zur Bedingung, dass diese von der Lutherkirche aus nicht als solche zu erkennen sein sollte. Deswegen erblickt man von der Lutherkirche kommend, die Rückwand der katholischen Kirche als Speicherhaus.
Die Kirche ist dem Erzengel Michael geweiht, der als Bezwinger des Bösen gilt. Über dem Eingangsportal befindet sich ein Sandsteinrelief, das den heiligen Michael mit dem Drachen zeigt. Der Innenraum der St. Michaelskirche wurde vor ca 10 Jahren grundlegend umgestaltet und präsentiert sich heute hell und schlicht.



Ein bedeutendes Kapitel der Gemeindegeschichte ist mit dem Pfarrer Heinrich Schniers verbunden. Er stellte sich gegen das nationalsozialistische Regime, wurde 1941 verhaftet und starb 1942 im Konzentrationslager Dachau. Heute erinnert die Kirche an ihn und an weitere Opfer des NS–Regimes, darunter Hermann Lange, einen der vier Märtyrer, die während der NS-Zeit in Lübeck hingerichtet wurden und der gebürtig aus dieser Gemeinde stammte. Das schlichte Holzkreuz in der Kirche aus unbehandelter Eiche soll die vier Märtyrer symbolisieren, die in Lübeck aufeinander trafen. Beeindruckend ist auch der Kreuzweg, bei dem auf Fotos von im 2.Weltkrieg zerstörten Städten der Leidensweg Christi dargestellt wird.

Die Architektur der Großen Kirche unterscheidet sich grundsätzlich von vielen anderen Kirchen. Ihr achteckiger Grundriss in Form eines griechischen Kreuzes richtet den Blick aller Besucher auf die Kanzel. Damit wird ein wesentliches Merkmal des reformierten Glaubens sichtbar: im Mittelpunkt des Gottesdienstes steht die Verkündigung des Wortes Gottes. Das helle schlichte Innere verzichtet bewusst auf Altar, Kruzifix und figürliche Darstellungen. Statt dessen befindet sich zwischen den Kirchenbänken der Abendmahltisch mit einer aufgeschlagene Bibel. Zu den kostbarsten Ausstattungsstücken gehören die reich verzierte Renaissance-Kanzel und das romanische Taufbecken. Besondere Berühmtheit besitzt die historische Orgel, die zu den bedeutendsten Barockorgeln in ganz Deutschland zählt. Der Turm der Großen Kirche ist der höchste in Leers und wird von einem vergoldeten Segelschiff, dem „Schepken Christi“ gekrönt.

Die Mennonitenkirche ist eines der bedeutendsten Zeugnisse der mennonitischen Geschichte in Ostfriesland. Sie wurde 1825 im klassizistischen Stil errichtet. Die schlichte Architektur spiegelt die Glaubensüberzeugung der Mennoniten wider, die Bescheidenheit und den Verzicht auf prunkvolle Ausstattung betonen. Die Wurzeln der Mennonitengemeinde reichen bis 1540 zurück, als Glaubensflüchtlinge aus den Niederlanden sich hier niederließen. Sie brachten handwerkliches Können und Handelsbeziehungen mit nach Ostfriesland und trugen maßgeblich zum Aufschwung des Handels in Leer bei.

Der Innenraum der Kirche ist hell und schlicht gestaltet. Im Mittelpunkt stehen der Altartisch und die Kanzel, denn auch in der mennonitischen Tradition nimmt die Predigt eine zentrale Rolle ein Die Mennonitenkirche steht unter Denkmalschutz und zählt zu den architektonischen und historischen Kostbarkeiten der Stadt Leer.

Nach 11/2 Stunden Kirchenbesichtigung war Zeit für einen Kaffee, oder Tee oder Eis. Herr Boelsen war so nett und begleitete die Klüngeltüngels zur Ostfriesischen Teestube am Hafen, wo sie sich in uriger Athmosphäre von der Anstrengung erholen und den Nachmittag bei den ausgewählten Leckereien ausklingen lassen konnten.
Wenn alles klappt, sind die Klüngeltüngels im nächsten Monat auf dem Waldlehrpfad im Sandhorster Wald.